Samowar -
Eine Kurzgeschichte von Sait Faik ABASIYANIK





sait
faik
     BÜTÜN
     ESERLERI
            
SEMAVER
SARNIÇ

bilgi yayinevi,
13. Auflage,
Oktober 1994
ISBN 9-74-494-075-4


  - Es wird zum Morgengebet gerufen. Steh auf mein Sohn, du kommst noch zu spät zur Arbeit.

  Ali hatte endlich Arbeit gefunden. Seit einer Woche ging er zur Fabrik. Seine Mutter war froh. Sie hatte sich vor Gott niedergeworfen und gebetet. Als sie mit dem gütigen Gott aus ihrem Gebet im Innern das Zimmer ihres Sohnes betrat und es nur schwer übers Herz brachte, ihn zu wecken - so wie er dort im Traum mit seinem hochgewachsenen, breitschultrigen Körper und einem sehr jungen Gesicht Maschinen, große Akkumulatoren und Glühbirnen sah, wie er sich mit Maschinenöl beschmierte und dem Wummern eines Dieselmotors zuhörte. Ali war verschwitzt und rosa, als ob er eben von der Arbeit zurückgekehrt wäre.

  Der Schlot der Fabrik in Halicioglu blickte mit der stolzen Haltung eines Hahns, der seinen Kopf reckte, dem Morgen, dem über den Hügeln von Kagithane sich abzeichnenden Tagesanbruch, entgegen. Es sollte nicht lange dauern, bis die Fabrik riefe.

  Schließlich wachte Ali auf. Er umarmte seine Mutter. Wie jeden Morgen zog er die Bettdecke bis ganz über seinen Kopf. Seine Mutter kitzelte ihn an den Füßen, die jetzt unter der Decke hervorlugten. So wie sie sich mit ihrem Sohn, der mit einem Satz vom Bett aufgesprungen war, wieder ins Bett fallen ließ und mit der Stimme eines jungen Mädchens aus vollem Herzen lachte, hätte man sie glücklich nennen können. Waren sie nicht die Kinder eines Viertels, in dem es nur wenige Glückliche gab? Hatte die Mutter eine andere Stütze als ihren Sohn, der Sohn eine andere Stütze als seine Mutter? Sich eng umarmend machten sie sich auf ins Eßzimmer. Das Innere des Raums war erfüllt mit dem Duft von geröstetem Brot.

  Für Ali war der Samowar wie eine Fabrik, in der es kein Leid, keinen Streik und keine Unglücke gab. Nur ein Wohlgeruch, heißer Dampf und das Glück der Morgenstunde wurde in ihm produziert.

  Morgens gab es für Ali zwei Dinge, die er mochte - den Samowar und das vor der Fabrik wartende Salep-Fäßchen. Dann die Klänge: der Hornbläser der Militärschule in Halicioglu, die lange Dampfpfeife der Fabrik, die im ganzen Goldenen Horn widerhallte; alle diese Dinge weckten in ihm manches Verlangen und erstickten in ihm manches Verlangen. Unser Ali war also ein kleiner Poet. Selbst wenn Feingefühl bei einem Industriearbeiter für Elektrik in Büyükdegirmen so schwer zu finden ist wie ein Kreuzschiff im Goldenen Horn, so sind wir Alis, Mehmets, Hasans wohl doch feinsinnig. Im Herzen eines jeden von uns liegt ein Löwe verborgen.

  Ali küßte die Hand seiner Mutter. Nachher leckte er seine Lippen, als ob er etwas Süßes gegessen hätte. Sie lachte. Ein solches Lecken nach jedem Kuß war ihm zur Angewohnheit geworden. In den Blumentöpfen des kleinen Gartens vor dem Haus war Basilienkraut. Ali, einige Blätter der Pflanze mit seinen Fingern zerquetschend, entfernte sich vom Haus und roch immerzu an seinen Handflächen.

  Der Morgen war kühl, das Goldene Horn neblig. Seine Arbeitskollegen traf er an der Anlegestelle für die Boote. Sie alle waren kräftige junge Burschen. Zu fünft setzten sie nach Halicioglu über.

  Ali wird den ganzen Tag über mit Freude, energisch und hingebungsvoll arbeiten. Jedoch ohne sich den anderen überlegen zu zeigen. Deswegen wird er mit reinem Herzen und ohne Anstalten ans Werk gehen. Andererseits hatte er den Kniff aber auch gut raus. Sein Meister war ein hervorragender Elektriker, ohnegleichen in Istanbul. Es war ein Deutscher. Er mochte Ali sehr. Die meisten Tricks und Kniffe seines Fachs hatte er Ali auch beigebracht. Das Geheimnis seiner Überlegenheit über andere, die genauso geschickt waren wie er, lag in der Behendigkeit, der Eile, in seiner Sportlichkeit sozusagen - kurz: in der Jugend.

  Mit der Gewißheit, daß seine Kollegen in ihm einen neuen Freund, einen neuen Gleichgesinnten, daß seine Meister einen gewissenhaften Arbeiter gewonnen hatten, kehrte er zufrieden nach Hause zurück.

  Nachdem er seine Mutter umarmt hatte, lief er schnell zu seinen Freunden im gegenüberliegenden Teehaus. Eine Partie Pastra spielten sie, einem spannenden Spiel Tavla schaute er zu. Danach machte er sich auf nach Hause. Seine Mutter war beim Nachtgebet. Wie immer hockte er sich vor sie, schlug Purzelbäume auf ihrem Gebetsteppich, streckte ihr die Zunge raus. Als er es endlich geschafft hatte, die Frau zum Lachen zu bringen, war sie dabei, zum Abschluß des Gebets ihren Kopf mit dem Gruß an die Engel zu wenden.

  - Ach Ali, das ist eine Sünde, sagte sie. Das ist eine Sünde, hör auf damit.

  - Allah wird es doch verzeihen, sagte er.

Dann, naiv und unschuldig, fragte er:

  - Lacht Allah denn nie?

  Nach dem Essen vertiefte er sich in die Lektüre eines Nat Pinkerton Romans. Seine Mutter strickte ihm einen Pullover.

  Für Ali war der Samowar wie eine Fabrik, in der es kein Leid, keinen Streik und keinen Chef gab. Nur ein Wohlgeruch, heißer Dampf und das Glück der Morgenstunde wurde in ihm produziert.



  Der Tod suchte die Mutter Alis auf wie eine Besucherin, wie eine kopfbetuchte, fromme Nachbarin. Den ganzen Tag verbrachte sie damit, ihrem Sohn morgens den Tee, abends zwei Töpfe Essen zuzubereiten. In ihrer Brust spürte sie aber einen Schmerz; an ihrem zerfurchten, nach Musselin riechenden Körper empfand sie, wenn sie abends zügig die Treppen herauflief, eine plötzliche Schwäche, Schweißausbrüche, eine Weichheit im Innern.

  Eines Morgens, während Ali noch schlief, bekam sie neben dem Samowar einen Anfall und sackte auf einem in der Nähe stehenden Stuhl zusammen, verharrte bewegungslos.

  Ali wunderte sich, warum seine Mutter ihn diesen Morgen nicht aufgeweckt hatte. Dazu kam, daß er lange Zeit nicht bemerkte, wie spät er schon dran war. Die Pfeife der Fabrik legte seinen scharfen, ins Mark gehenden schrillen Ton ab und drang gleich wie hinter einem Schwamm durch die Fensterscheiben leise an sein Ohr. Sofort sprang er auf. An der Tür zum Eßzimmer blieb er stehen. Er betrachtete die mit den Händen an den Tisch gestützte, wie in einen Halbschlaf versunkene Tote. Er meinte, sie schliefe. Sachte ging er auf sie zu, faßte sie an den Schultern. Als seine Lippen an den sich schon abkühlenden Wangen vorbeistrichen, fröstelte er.

  Im Angesicht des Todes sind wir - gleich was wir tun - wie Schauspieler, die ihre Rolle gespielt haben. Nicht mehr und nicht weniger. Schauspieler, die ihre Rolle gespielt haben.

  Er fiel ihr um den Hals, brachte sie in sein Bett, zog ihr die Bettdecke über, versuchte den erkaltenden Körper aufzuwärmen. Er versuchte, seinen Lebensgeist, seine körperliche Existenz diesem Körper einzuimpfen. Später - hilflos - warf er die Decke auf ein Sitzkissen in der Ecke des Zimmers. Wie sehr er es auch wollte, er schaffte es an diesem Tag nicht zu weinen. Seine Augen brannten und brannten, brachten jedoch keine einzige Träne heraus. Er blickte in den Spiegel. War es gegenüber der größten Trauer nicht möglich, ein anderes Gesicht anzunehmen als das eines Menschen, der eine Nacht durchgewacht hatte.

  Ali wollte auf einen Schlag abmagern, wollte, daß seine Haare plötzlich grau würden, daß eine große Last sein Kreuz in eine Falte knickte. Er wollte auf einmal hundert Jahre alt sein. Dann schaute er wieder zu der Toten. Schrecklich sah das gar nicht aus.

  Im Gegenteil; das Gesicht war gutmütig wie früher und milde wie sonst auch. Die halboffenen Augenlider schloß er mit einer festen Bewegung völlig zu.

  Er stürzte auf die Straße, benachrichtigte eine alte Frau, die ihre Nachbarin war. Er selbst machte sich auf den Weg in die Fabrik. Im Boot, auf halbem Weg, schien er sich an den Tod gewöhnt zu haben.

  Sie hatten Seite an Seite, jeder im Schoß des anderen unter der gleichen Bettdecke geschlafen. Als der Tod in den Körper seiner lieben Mutter eintrat, übernahm er auch ihre Empfindsamkeit, ihre Güte, ihre Milde. Nur etwas kalt war er. Der Tod war gar nicht so schlimm wie wir dachten - nur ein wenig kalt, das ist alles ...

  Tagelang lief Ali in den leeren Zimmern des Hauses herum. Abends saß er da, ohne Licht anzumachen. Er lauschte der Nacht, dachte an seine Mutter. Weinen konnte er jedoch nicht.

  Eines Morgens im Eßzimmer standen sie sich dann gegenüber. Er - auf der Nylondecke des Tisches stehend, war still und glänzte. Die Sonne erkaltete auf dem gelben Messingmaterial. Seine Henkel ergreifend, stellte er ihn an einen Ort wo er nicht mehr zu sehen war. Er selbst klappte auf einem Stuhl zusammen. Er weinte viel, still wie ein leiser Regen ... und der Samowar - in diesem Haus sollte er nicht mehr kochen.

  Ab diesem Tag wird ein Salep-Fäßchen in das Leben von Ali eintreten.

  Der Winter ist um das Goldene Horn herum noch härter, noch nebliger als woanders in Istanbul. Die Leute: Schullehrer, Viehhändler, Metzger - frühmorgens gehen sie zur Arbeit, zertreten gefrorene Erdklumpen auf den kaputten Bürgersteigen; sie alle ruhen sich eine Zeitlang vor der Fabrik aus; ihren Rücken an eine riesige Mauer gelehnt, trinken sie ihren mit Zimt und Ingwer bestreuten Salep.

  Die teuren Hände, in Wollhandschuhen versteckt, umschlossen die Salep-Tassen. Die Nasen verstopft, den Kopf voller Streiks, voller Leid; blonde Arbeiter, die wie messingne Samoware dampften. Schullehrer, Viehhändler, Metzger und manchmal arme Schüler lehnten sich an die riesige Fabrikmauer und tranken Schluck um Schluck von dem Salep, auf den die letzten süßen Augenblicke ihrer Träume gestreut waren.

Übersetzung von mir.
Sonntag, 30. Mai 1999.




® Hakan Özkan